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Editorial 04/10: Menschen mit Diabetes – ein kritischer Blick

Dipl. oec. troph. Heike Recktenwald, Chefredakteurin
Dipl. oec. troph.
Heike Recktenwald,
Chefredakteurin
Wenn ich mich an „Kneipen-Gespräche“ von vor 20 Jahren zum Thema Diabetes erinnere, wurde von älteren, übergewichtigen Menschen gesprochen, die „Diät“ leben mussten und keine Saccharose zu sich nehmen durften. Selbst schuld hieß es, wenn die so viele süße und fette Sachen essen und zunehmen, bis der Körper durch Krankheit rebelliert. Diabetes war bekannt, doch die gesellschaftliche Aufmerksamkeit kaum vorhanden denn es waren „ja nur“ die Älteren, die es betraf.

Lange ist dies her. Inzwischen ist Diabetes in aller Munde und in allen Medien, betrifft junge und alte Menschen und ist leider die Konsequenz einer veränderten Lebens- und Einkaufswelt, die weiterhin den Trend lebt: größer, besser, schneller. Auch die Bundesregierung zollt dem Thema Aufmerksamkeit, denn die Behandlungskosten werden in naher Zukunft die Möglichkeiten des deutschen Gesundheitssystems übersteigen. Der Sparkurs (geprüft durch das IQWiG) in der Behandlung von Diabetikern zeichnet sich ab, doch zu früh gespart (in der Versorgungsqualität) verursacht später (Folgeerkrankungen) noch höhere Folgekosten und das bei unveränderter Lebensund Einkaufswelt! Ich frage mich oft, sind sich die Verantwortlichen dieser Tatsache wirklich bewusst?

Ein wesentlicher Punkt wird oft in der Diskussion vergessen: die Lebensqualität der Betroffenen. Nur wer sich wohlfühlt und Spaß am Leben hat, sich selbst etwas wert ist, ist auch motiviert, etwas (für sich) zu tun. Das Diabetesselbstmanagement macht wirklich keinen Spaß, erfordert viel Disziplin und Motivation, schränkt manchmal ein, beansprucht viel Zeit im Alltag und setzt ein umfangreiches Wissen von Medizin bis Ernährungswissenschaft voraus, um die Lebensqualität zu leben, die für Nicht-Diabetiker normal ist. Hut ab vor dieser Leistung, die Menschen mit Diabetes täglich erbringen!

Das Diabetesselbstmanagement ist ein ganzheitliches Management mit vielen therapeutischen Facetten, verbunden mit einer emotionalen Welt aus Ängsten und Erfahrungen des Patienten. Hat dieser kein wirkliches Fachwissen, ist er auf die Hilfe seines beratenden Diabetesteams angewiesen. Aber auch die Versorgungsqualität und das Fachwissen innerhalb der ärztlichen, diabetologischen Versorgung differiert und die Eigeninitiative eines Patienten ist sehr oft gefordert! Motiviert es die Betroffenen daher bei noch fehlenden Strukturen, wenn wir die zugegeben oft optimierungswürdige Therapiequalität anmahnen? Lesen Sie mehr im Beitrag ab Seite 190.

Ernährungsexperten und Mediziner bieten Lösungen für die Diabetestherapie an, doch die Lösungen für eine entsprechende Lebens- und Einkaufswelt, die das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Bevölkerung prägen, fehlen an vielen Stellen. Wir kennen sie alle, unsere lieben Gewohnheiten, Wünsche und Bedürfnisse. Ein Glas Wein hier, ein Stückchen Schokolade da, und es ist weiß Gott nicht einfach, bei vollen Regalen oder am üppig gedeckten Tisch (falls er noch gedeckt wird) den Verlockungen zu widerstehen.

Wir erwarten dies aber von übergewichtigen Menschen oder von Menschen mit Diabetes, die in der gleichen Lebenswelt zuhause sind. Es muss sich etwas im Bewusstsein des Einzelnen ändern, das steht außer Frage, vielleicht mit einer ganzheitlichen Sichtweise?

Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre,

Ihre 

Heike Recktenwald

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