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Life Science Dialogue Heidelberg: „Junkie Food“ – Glücksgefühl oder Suchtgefahr?

Es gibt vermehrt Hinweise auf Suchtwirkungen bestimmter Lebensmittel, die sich nicht mit dem natürlichen Verlangen des Körpers nach Nahrung erklären lassen. Allen voran betrifft das stark zucker- und fettreiche Lebensmittel, häufig auch als Junk Food bezeichnet. Beim Life Science Dialogue Heidelberg der Dr. Rainer Wild-Stiftung gab Prof. Iain MATTAJ, Generaldirektor des European Molecular Biology Laboratory Heidelberg, einen Einblick in die neurobiologischen und molekularen Grundlagen von Abhängigkeit im Allgemeinen und das Suchtpotenzial bestimmter Lebensmittel im Besonderen.

Unser Essverhalten ist maßgeblich mit den Belohnungsmechanismen in unserem Gehirn verbunden, das zeigte Prof. Iain MATTAJ: Positive Reize wie gutes Essen führen zu einer Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin. Welches Lebensmittel besonders glücklich macht, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Trotz aller individuellen Unterschiede sind es aber in der Regel fett- und zuckerreiche Lebensmittel, die Glücksgefühle wecken.

Dieser im Grunde positive Belohnungsmechanismus ist auch maßgeblich an der Entstehung von Abhängigkeiten beteiligt. Drogen führen ebenfalls zu einer Dopaminausschüttung. Wird das, was uns so glücklich macht, regelmäßig konsumiert, gewöhnt sich der Körper an den erhöhten Dopaminspiegel. Gleichzeitig sinkt die körpereigene Dopaminproduktion. Letzten Endes wird der Drang, das Suchtmittel zu konsumieren, immer stärker und die benötigte Dosis immer höher.

Neuere Studien mit Tierversuchen haben nachgewiesen, dass auch fett- und zuckerreiches Essen „süchtig“ machen kann. Ratten, die über längere Zeit fett- und zuckerreich ernährt wurden, zeigten ähnliche, wenn auch schwächere, Veränderungen im Gehirn wie Ratten, die Drogen bekamen. Molekulare Studien konnten diese Beobachtungen bestätigen: Der Dopamin-Rezeptor D2 hat nicht nur einen entscheidenden Einfluss auf Drogensucht, sondern spricht auch auf den Genuss von zucker- und fettreichen Lebensmitteln an.

Der Zugang zu Drogen führt allerdings nicht zwangsläufig auch zum Drogenkonsum, das konnten „Rat-Park-Versuche“ zeigen: Ratten, die isoliert gehalten wurden und die Wahl hatten zwischen einer Morphinlösung und Wasser, konsumierten bis zu 20 mal mehr Morphin als Artgenossen, die in einer für sie charakteristischeren Umwelt lebten (d. h. in Gesellschaft anderer Ratten, mit Spielgeräten und Auslauf). Daraus lässt sich schließen, dass neben dem Angebot auch das Umfeld eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Abhängigkeit spielt.

Tierversuche liefern sicherlich wichtige Hinweise auf biologische Vorgänge. Dennoch können keine direkten Rückschlüsse auf den Menschen gezogen werden, so Prof. MATTAJ: Tierversuche vernachlässigen häufig den Kontext, in dem z. B. Essen stattfindet, und können nur schwer die Komplexität sozialer Faktoren erfassen, die das Essverhalten beeinflussen.

Darüber hinaus sind die Übergänge von Genuss und Konsum über Missbrauch und Gewöhnung bis hin zur Abhängigkeit fließend. Sie bauen aber nicht zwangsläufig aufeinander auf – nicht jeder Genuss führt automatisch zur Sucht. Jedes Suchtverhalten entsteht durch das Zusammenspiel von drei Hauptfaktoren: Faktoren der Persönlichkeit, der Droge und des Milieus. Es wäre deshalb falsch, allein auf Basis bestimmter Hinweise auf ein mögliches Suchtpotenzial Ängste gegenüber bestimmten Lebensmitteln zu schüren. Quelle: Dr. Rainer Wild-Stiftung, Pressemeldung vom 05.12.2011

 Den Artikel finden Sie in Ernährungs Umschau 02/12 auf Seite 60.

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