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Weltweit größte Therapiestudie: Psychotherapie ist wirksam bei Magersucht

  • 06.11.2013
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  • Redaktion

Erwachsene magersüchtige Patientinnen, die nicht zu schwer erkrankt sind, können mit psychotherapeutischer Behandlung erfolgreich ambulant behandelt werden; auch nach Therapieende nehmen sie weiterhin deutlich an Gewicht zu. Zwei neue psychotherapeutische Verfahren bieten hierzu verbesserte Therapiechancen. Allerdings kann einem Viertel der Patientinnen nicht schnell geholfen werden. Dies hat die weltweit größte Therapiestudie zur Magersucht gezeigt, die in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht wurde. Die ANTOP-Studie (Anorexia Nervosa Treatment of Out Patients) wurde an zehn deutschen universitären Essstörungszentren unter Federführung der Abteilungen für Psychosomatische Medizin der Universitätskliniken Tübingen und Heidelberg durchgeführt.

„Im Langzeitverlauf führt die Magersucht in bis zu 20 % zum Tode – damit ist sie die gefährlichste aller psychischen Erkrankungen. Betroffene leiden zudem oft ihr ganzes Leben lang unter psychischen oder körperlichen Folgen der Magersucht“, erklärt Professor Zipfel. Psychotherapie ist als Therapie der Wahl der Magersucht anerkannt und wird in Deutschland als Leistung der Krankenkassen bezahlt. Allerdings fehlten bislang große klinische Studien, die die Wirksamkeit verschiedener Therapieverfahren vergleichend untersuchten. Somit war weitgehend ungeklärt, welche Form der Psychotherapie am effektivsten ist.

Die ANTOP-Studie, bei der 242 erwachsene Patientinnen insgesamt 22 Monate (10 Monate Therapie, 12 Monate Nachbeobachtung) begleitet wurden, lässt nun erstmals wissenschaftliche Schlussfolgerungen über die Wirksamkeit verschiedener Psychotherapien zu. Bei drei Gruppen von 82 bzw. je 80 Patientinnen kam jeweils ein anderes ambulantes Psychotherapieverfahren zum Einsatz.

Dabei handelte es sich um zwei neue psychotherapeutische Verfahren, die speziell für die ambulante Behandlung dieser Erkrankung entwickelt worden waren, und eine optimierte Form der derzeit praktizierten Standard-Psychotherapie. Für die spezifischen Therapien wurden gemeinsam mit internationalen Essstörungsexperten Behandlungsmanuale entwickelt. Sie umfassten 40 ambulante Einzelsitzungen über zehn Monate.

Bei allen 242 Patientinnen führten speziell ausgebildete Psychotherapeuten die Therapien mit den Patientinnen durch. Die Hausärzte waren in die Behandlungen eingebunden; sie untersuchten die Patientinnen zumindest einmal pro Monat. Rund ein Drittel der Patientinnen musste wegen ihres schlechten Gesundheitszustands vorübergehend stationär aufgenommen werden; etwa ein Viertel der Patientinnen nahm nicht bis zum Ende an der Behandlung teil.

Verglichen wurden die drei Psychotherapieverfahren:

  • 1. Die fokale psychodynamische Psychotherapie bearbeitet in Therapiesitzungen die ungünstige Gestaltung von Beziehungen sowie Beeinträchtigungen bei der Verarbeitung von Emotionen. Die Arbeitsbeziehung zwischen Therapeut und Patientin spielt eine große Rolle. Sie wird speziell auf den Alltag nach Therapieende vorbereitet.
  • 2. Die kognitive Verhaltenstherapie hat zwei Schwerpunkte: die Normalisierung des Essverhaltens und Gewichtssteigerung sowie die Bearbeitung mit der Essstörung verbundener Problembereiche, z. B. Defizite bei sozialer Kompetenz oder bei der Fähigkeit, Probleme zu lösen. Die Patienten erhalten auch „Hausaufgaben“.
  • 3. Die Standard-Psychotherapie wurde als optimierte Regelversorgung von erfahrenen Psychotherapeuten durchgeführt, die sich die Patientinnen selber aussuchen konnten. Ergänzend waren die Hausärzte in die Therapie eingebunden; die Patientinnen besuchten ergänzend fünfmal das jeweilige Studienzentrum.

Die magersüchtigen Patientinnen in allen drei Gruppen hatten nach Therapie-Ende und einem weiteren Jahr Nachbeobachtung deutlich an Gewicht zugenommen. Ihr BMI hatte durchschnittlich um 1,4 BMI Punkte (entspricht durchschnittlich 3,8 kg) zugelegt. Insgesamt zeigten die beiden neuen Therapieformen im Vergleich mit der optimierten Standardtherapie Vorteile.

Am Ende der Studie war die fokale psychodynamische Therapie am erfolgreichsten; die spezifische kognitive Verhaltenstherapie führte dem gegenüber zu einer schnelleren Gewichtszunahme. Außerdem mussten die psychodynamisch behandelten Patientinnen seltener zusätzlich stationär behandelt werden. Die Akzeptanz der beiden neuen Psychotherapien war bei den Patientinnen sehr hoch. Dennoch litt auch ein Jahr nach Ende der Therapie ca. ein Viertel der Patientinnen immer noch unter dem Vollbild der Magersucht.

Das Fazit der Wissenschaftler: Erwachsene Patientinnen haben durch die spezifischen Therapien eine realistische Chance auf eine Heilung oder nachhaltige Besserung. Es bleiben aber große Herausforderungen für die Prävention und die frühe Behandlung der Magersucht bestehen.

Literatur: Zipfel et al. (2013) Focal psychodynamic therapy, cognitive behaviour therapy, and optimised treatment as usual in outpatients with anorexia nervosa (ANTOP study): randomised controlled trial. Lancet [Published Online October 14, 2013] URL: dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(13)61746-8. Quelle: Universitätsklinikum Tübingen, Pressemeldung vom 14.10.2013 (06.11.13)

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