5. ELVe-Jahrestagung an der Hochschule Fulda: Ernährung: soziale Verantwortung, Ökonomie und technologischer Fortschritt

© Carola Holler
© Carola Holler

(umk) Das wissenschaftliche Zentrum ELVe bündelt als eine der zentralen wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen der Hochschule Fulda fachbereichsübergreifend Kompetenzen in den Bereichen Ernährung, Lebensmittel und nachhaltige Versorgungssysteme. Die Vorträge der 5. Jahrestagung am 3. Dezember 2025 belegten den interdisziplinären Ansatz des Zentrums1.

In seiner Keynote umriss Dr. Martin Kussmann, Kompetenzzentrum Ernährung (KErn), die derzeitigen Herausforderungen: So hat sich seit 1960 die Weltbevölkerung fast verdreifacht. Die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion hat zwar mitgehalten, doch profitieren davon nicht alle Menschen gleichermaßen und das globale Ernährungssystem überschreitet mittlerweile in vielen Bereichen die planetaren Grenzen. Auf Basis der (mittlerweile aktualisierten) Planetary Health Diet [1] sind daher Ernährungssicherheit – besser Ernährungsgerechtigkeit – und eine Resilienz des Ernährungssystems wichtige Ziele. Die nachfolgenden Vorträge zeigten ganz unterschiedliche Ansätze, wie Forschung mit Ernährungsbezug hierzu beitragen kann.
Prof. Rohtraud Pichner stellte die Arbeit von Mehdi Shah, Hochschule Fulda, vor. Shah befasst sich u. a. mit der Rezeptur- und Prozess-Optimierung bei der Herstellung von pflanzenbasierten Joghurt-Alternativen. Denn vegane Alternativprodukte sind auch auf die (geschmackliche) Akzeptanz von Nicht-Veganer*innen angewiesen, um sich im Lebensmittelhandel zu behaupten; die reine Nachfrage von Veganer*innen ist noch zu gering.
Die Umweltauswirkungen von traditionell bzw. in Zellkultur erzeugten pflanzlichen Produkten modellierte Daniel Steinhausen. Im Life Cycle Assessment zeigten sich große Unterschiede für die gewählten Beispiele Karotte, Stevia und Kaffee.
Aus soziologischer Perspektive näherten sich Désirée Janowsky und Dr. Martin Winter unterschiedlichen Ansätzen gemeinschaftlicher Ernährungsformen wie soziale Landwirtschaft (SoLaWi) oder foodsharing. Die Untersuchung im Rahmen des DFG-Forschungsimpulses Shaping Future Society (SaFe) [2] zeigte prinzipielle strukturelle Unterschiede und Limitationen dieser Projekte, was die Anschlussfähigkeit bzw. Möglichkeiten zur Teilhabe an solchen Projekten betrifft.
Indien ist eine Nation, die aus den National Health Surveys exzellente epidemiologische Daten zu Ernährungsfragen zur Verfügung hat. Prof. Tilmann Kühne stellte Analysen zur Wirksamkeit von Maßnahmen gegen Unterernährung und “hidden hunger”, aber auch Überernährung vor. Der Bildungsgrad der Mutter ist dabei ein bedeutsamerer Faktor zur Vermeidung von Fehlernährung der Kinder als das Haushaltseinkommen.
Die Wirksamkeit von Lebensstilinterventionen zum Gewichtsmanagement untersuchte David Rotzinger am Beispiel des Selbsthilfe Manuals „Ich nehme ab“ in der INA-Studie [3] und Kathrin Gemesi, Klinikum rechts der Isar, stellte digitale Ansätze der Ernährungstherapie vor; ein Mittel hierbei sind Virtual-Reality-Anwendungen zur Darstellung und Manipulation von Körperbildern. Lebhaft diskutiert wurde im Anschluss die (klinische) Relevanz der erzielten Gewichtsreduktion vieler Programme im niedrigen einstelligen Prozentbereich.
Dr. Johannes Spörl stellte die Projektskizze einer Gesundheits-App, die aus den Daten des individuellen Lebensmitteleinkaufs und aus gesundheitsbezogenen Daten Empfehlungen erstellt. Der Vortrag zeigte einerseits die großen Möglichkeiten digitaler Datenauswertung zum Zweck der personalisierten Ernährungsberatung, zugleich wurden aber auch offene Fragen des Datenschutzes und von Firmenbeteiligungen in Förderprojekten des Bundes deutlich.
Ebenfalls zum Thema One Health, jedoch aus der Perspektive der Lebensmittelüberwachung, referierte Moana Lafrenz, HS Fulda, über die Umsetzung der Regulierung des Einsatzes von Bisphenolen [4]. Da hier viele Professionen zusammenarbeiten müssen, sind ein gemeinsames Verständnis des One-Health-Ansatzes und klare Kommunikationswege wichtig.
Ebenfalls um das gemeinsame Verständnis, in diesem Fall von Leitbildern zur Ernährungsversorgung und Verpflegungskonzepten, dreht sich das Projekt Genuss und Gesundheit für Senioren in stationären Einrichtungen (GeGeSSEn) [5]. Carola Holler schilderte, mit welchen Methoden die Beteiligten in diesem Setting in Workshops Leitbilder und Konzepte entwickelten, die in der Praxis Bestand haben können.
Dass bei Workshops zur Selbstreflexion und Konzeptentwicklung durchaus auch Playmobil- und LEGO-Teile zum Einsatz kommen können, stellte Prof. Nadine Reibling vor: Mit Fachkräften aus dem Gesundheitswesen unternahmen sie geführte „Zeitreisen“ von 2025–2052: Wie entwickelt sich der Public-Health-Sektor, welche Rolle spielen Fachkräfte in dieser Zukunft aus Sicht der Workshop-Teilnehmer*innen?
Zum Abschluss der Tagung wurde der ELVe-Nachwuchspreis 2025 an Anke Reibert und Ellen Gronbach verliehen. Mit der Auszeichnung würdigt das Zentrum herausragende Leistungen von Absolventinnen und Absolventen der Hochschule Fulda, die ihre Abschlussthesis in einem Themenfeld des Zentrums verfasst haben. Die prämierte Arbeit KI-Chatbots in der Ernährungsberatung von Anke Reibert stellen wir in einer der kommenden Ausgaben der ERNÄHRUNGS UMSCHAU in der Rubrik Junge Forschung vor. Ellen Gronbach untersuchte in ihrer prämierten Arbeit den Einsatz von Bio-Lebensmitteln in Landeskantinen und schaute sich die Strategien der 16 Bundesländer an.
Weitere Details und einen Bericht zur Veranstaltung finden Sie auf der Website der Hochschule Fulda [6].

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1 Soweit nicht anderes angegeben, sind alle Referent*innen an der Hochschule Fulda tätig.

Mehr zum Thema Zellkultur in der Lebensmittelproduktion finden Sie im kostenfreien ePaper NewFoodSystems der ERNÄHRUNGS UMSCHAU → www.ernaehrungs-umschau.de/fachzeitschrift/sonderdruckespecial-editions/ 
Mehr zum Thema SoLaWi in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 4/2018, S. M211–12 www.ernaehrungs-umschau.de/fileadmin/Ernaehrungs-Umschau/pdfs/Freie_PDF/EU04_2018_M211-212.pdf 

Literatur

  1. The Lancet: The EAT-Lancet Commission on healthy, sustainable, and just food systems. www.thelancet.com/commissions-do/EAT-2025  (last accessed on 5 January 2026)
  2. Hochschule Fulda: Shaping Future Society (SaFe). www.hsfulda.de/forschung/shaping-future-society-safe  (last accessed on 5 January 2026).
  3. Hochschule Fulda: INA-Studie: ICH-NEHME-AB. www.hs-fulda.de/forschung/forschungseinrichtungen/elve/forschung-und-transfer/buergerpanel-allegs-1/ina-studie  (last accessed on 5 January 2026).
  4. Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH): Bisphenol A und andere Bisphenole. www.bmleh.de/DE/themen/verbraucherschutz/lebensmittelsicherheit/lebensmittelverpackungen/bisphenol-a-vorsorglich-verboten.html  (last accessed on 5 January 2026).
  5. Hochschule Fulda: Forschungs- und Praxisprojekt GeGeSSEn. www.hs-fulda.de/forschen/forschungseinrichtungen/wissenschaftliche-zentren-und-forschungsverbuende/elve/forschen/verpflegung-versorgung/gegessen-1  (last accessed on 5 Januray 2026).
  6. Hochschule Fulda: ELVE-Jahrestagung 2025. www.hs-fulda.de/newsroom/detail/detail/elve-jahrestagung  (last accessed on 5 January 2026).


Diesen Artikel finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 2/2026 auf den Seiten M70 bis M71.

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