Junge Forschung: Potenzial der Mikroalge Phaeodactylum tricornutum

Einleitung
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt ein- bis zweimal pro Woche fettreichen Seefisch, um den Körper mit den wichtigen n-3-Fettsäuren Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) zu versorgen [1]. Diese Fettsäuren stammen jedoch ursprünglich aus Mikroalgen, die am Anfang der marinen Nahrungskette stehen. Aus diesem Grund wird zunehmend diskutiert, ob der direkte Verzehr von Mikroalgen eine pflanzliche und nachhaltige Alternative zu Fisch darstellen könnte. In einer Studie an der Universität Hohenheim wurde deshalb untersucht, wie Menschen auf Lebensmittel reagieren, die die Mikroalge Phaeodactylum tricornutum (PT) enthalten. Die Alge ist in der EU bislang noch nicht zugelassen und unterliegt der Novel-Food-Verordnung [2].

Abb. 1: Beispielteller Verkostung. © Lisa Caren Jetter
Abb. 1: Beispielteller Verkostung.© Lisa Caren Jetter

Methode
Im Rahmen einer einfach verblindeten Verkostung bewerteten 64 Teilnehmende insgesamt sechs rein pflanzliche Produkte: eine Frikadelle sowie fünf unterschiedliche Varianten eines Pestos (• Abbildung 1). Die sensorischen Eigenschaften Farbe, Geruch, Geschmack, Textur und Gesamteindruck wurden mithilfe einer 9-Punkte-Skala bewertet (1 = „habe ich überhaupt nicht gern“, 9 = „habe ich außerordentlich gern“). Zusätzlich wurde ein Akzeptanzindex berechnet, der ab einem Wert von 70 % eine gute Akzeptanz und Marktfähigkeit signalisiert [3]. Die getestete Frikadelle enthielt 3,5 % PT und wurde von einem Industriepartner produziert, der zusätzlich ein Pesto mit 4 % PT bereitstellte. Weitere Pestos wurden im Rahmen der Arbeit selbst hergestellt, jeweils mit gleicher Grundrezeptur: ein zweites Pesto mit 4 % PT zum Vergleich der Herstellungsarten, ein Pesto mit 5 % PT zum Vergleich höherer Konzentration, ein weiteres mit 5 % Chlorella als Beispiel einer bereits zugelassenen Mikroalge sowie ein algenfreies Pesto als Referenzprodukt.

Abb. 2: Bewertung der sensorischen Verkostung (eigene Darstellung)
Abb. 2: Bewertung der sensorischen Verkostung (eigene Darstellung)

Ergebnisse
Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass das Pesto ohne Algen in allen Kriterien am besten bewertet wurde. Die algenhaltigen Produkte schnitten geschmacklich schwächer ab, wobei insbesondere das Pesto mit Chlorella und die Frikadelle die geringsten Bewertungen erhielten (• Abbildung 2). Ein zentrales Problem stellten die dunklen Farbtöne der PT-Produkte dar, die von den Teilnehmenden als wenig ansprechend empfunden wurden. Der Geruch der Algenprodukte wurde einheitlich im mittleren Bereich bewertet. Bei der Textur zeigten die verschiedenen Pestos kaum Unterschiede, während die Frikadelle insgesamt am wenigsten überzeugte. Der Akzeptanzindex untermauerte diese Beobachtungen: Das algenfreie Pesto erreichte 98,4 %, gefolgt von den selbst hergestellten Pestos mit 4 % PT (82,8 %) und 5 % PT (70,3 %). Damit lagen diese beiden PT-Pestos über der entscheidenden Akzeptanzgrenze. Deutlich darunter lagen hingegen das industriell hergestellte 4 %-PT-Pesto (56,3 %), das Pesto mit Chlorella (42,2 %) und insbesondere die Frikadelle (20,3 %).

Diskussion
Die Studie zeigt somit, dass PT grundsätzlich in Lebensmitteln akzeptiert wird, auch wenn insbesondere die dunkle Farbe eine wesentliche sensorische Herausforderung darstellt – ein Effekt, der bereits aus der Literatur bekannt ist [4, 5, 6]. Künftige Untersuchungen sollten daher klären, wie Verarbeitung und Produktformulierung optimiert werden können, um die optischen Nachteile zu reduzieren. Besonders interessant ist, dass die Pestos mit bis zu 5 % PT noch akzeptiert wurden, obwohl frühere Studien häufig eine sensorische Toleranzgrenze von etwa 2 % konstatierten [4, 7]. Dies könnte u. a. daran liegen, dass die kräftigen Aromen von Basilikum, Zitrone und Knoblauch den algentypischen Geschmack teilweise überdecken. Hier könnte Potenzial bestehen, sogar noch höhere PT-Konzentrationen zu testen. Die beiden industriell hergestellten Produkte wären in ihrer aktuellen Form jedoch nicht marktfähig. Vermutet wird, dass v. a. Hitzeprozesse wie Erhitzen, Pasteurisieren oder längere Lagerzeiten zu Fehlaromen führen, die die Akzeptanz mindern. Hinsichtlich des Potenzials von PT als Fischalternative ergibt die Berechnung, dass täglich etwa 2,5 g PT konsumiert werden müssten, um den Bedarf an EPA und DHA zu decken. Dies entspricht ungefähr 50 g eines Pestos mit 5 % PT – eine Menge, die üblicherweise im Rahmen eines Pastagerichts verzehrt wird. Bis Produkte mit PT allerdings im Handel verfügbar sein könnten, muss zunächst das laufende Novel-Food- Zulassungsverfahren abgeschlossen werden.

Fazit
Zusammenfassend zeigt die Arbeit, dass Phaeodactylum tricornutum grundsätzlich in Lebensmitteln toleriert wird, trotz bestehender sensorischer Herausforderungen. Mit entsprechenden Optimierungen könnten in Zukunft innovative Produkte entstehen, die einen ernährungsphysiologisch wertvollen Beitrag zur n-3-Versorgung leisten und dazu beitragen, den Fischkonsum nachhaltiger zu gestalten.



Lisa Caren Jetter, B.Sc.
Universität Hohenheim
Institut für Ernährungsmedizin
Fruwirthstr. 12
70599 Stuttgart


 



Angaben zu Interessenkonflikten und zum Einsatz von KI
Die Autorin erklärt, dass keine Interessenkonflikte bestehen. KI wurde zur Sprachoptimierung eingesetzt.



Literatur

  1. Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE): Die DGE-Empfehlungen – Fisch jede Woche. www.dge.de/gesunde-ernaehrung/ gut-essen-und-trinken/ dge-empfehlungen/fisch/ (last accessed on 1 December 2025).
  2. Kopp L, Janentzky A, Bischoff SC: Die Zukunft wird „algig“ – Lebensmittel aus dem Wasser, ihr Potenzial für eine pflanzenbasierte Ernährung. Akt Ernährungsmed 2024; 49: 372–86.
  3. Paula da Silva S, Ferreira do Valle A, Perrone D: Microencapsulated Spirulina maxima biomass as an ingredient for the production of nutritionally enriched and sensorially well-accepted vegan biscuits. LWT 2021; 142: 110997.
  4. Lafarga T: Effect of microalgal biomass incorporation into foods: nutritional and sensorial attributes of the end products. Algal Res 2019; 41: 101566.
  5. Lucas BF, et al.: Spirulina for snack enrichment: nutritional, physical and sensory evaluations. LWT 2018; 90: 270–6.
  6. Ozyurt G, et al.: Evaluation of the cooking quality characteristics of pasta enriched with Spirulina platensis. J Food Qual 2015; 38: 268–72.
  7. Boukid F, Castellari M: Food and beverages containing algae and derived ingredients launched in the market from 2015 to 2019: A front-of-pack labeling perspective with a special focus on Spain. Foods 2021; 10: 173.

Der Text basiert auf der Bachelorarbeit „Potenzial der Mikroalge Phaeodactylum tricornutum als alternative Fischquelle – Untersuchung der Verbraucherakzeptanz und Durchführung von Verkostungsstudien“ von Lisa Caren Jetter.



Diesen Artikel finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 2/2026 auf den Seiten M76 bis M77.

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