7. Tagung der Ernährungs Umschau: Neue Ansätze für die Ernährungsberatung – körperorientiert, emotionsbewusst, gewichtsneutral
- 15.12.2025
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Aktuelle Perspektiven der Ernährungspsychologie
Im ersten Vortrag zeigte Frau Prof. Ulrike Gisch, Psychologin an der Justus-Liebig-Universität Gießen, warum viele Menschen im Laufe ihres Lebens das angeborene, intuitiv dem Bedarf des Körpers angepasste Essen verlernen: Elterliche Regulationen, das Erlernen des Essens in Gemeinschaft unabhängig von Hungersignalen, der Essalltag in Betreuungseinrichtungen und die Ernährungsumgebung wirken in der Kindheit, Kommentare über Körper, Schönheitsideale und soziale Vergleiche sowie ggf. ein niedriger Selbstwert wirken in der Jugend auf unser intuitives Essverhalten ein und verändern es nachhaltig. Auf diese Weise entstehen Ernährungsweisen, die dem Bedarf des Körpers nicht mehr angemessen sind.
Das traditionelle Gesundheitsparadigma der klinischen Medizin und des öffentlichen Gesundheitswesens basiert auf der Überzeugung, dass Gewicht direkt mit Gesundheit verbunden ist. Diese Sichtweise prägt die Ernährungsberatung und hebt die Gewichtskontrolle bzw. den Gewichtsverlust als eines der primären Ziele zur Gesunderhaltung und Verbesserung von Gesundheit hervor. Um Gewicht zu verlieren, greifen bisherige Formen der Ernährungsberatung und von Gewichtsreduktionsprogrammen aber oft zu kurz. Die Folgen sind weitere Gewichtszunahme oder -schwankungen sowie eine starke Beschäftigung mit „verbotenen“ Lebensmitteln und die Entwicklung von Scham- und Schuldgefühlen.
Gewichtszentrierte Gesundheitsparadigmen können außerdem zur Gewichtsstigmatisierung in verschiedenen Lebensbereichen beitragen. Auch in der Ernährungsberatung spielt dieses Thema eine wichtige Rolle. Da das Verhalten der Ernährungsfachkräfte (EFK) (z. B. Sprache und Beratungspraktiken) zur Gewichtsstigmatisierung in der Ernährungsberatung beitragen kann, schlug Gisch vor, einen klient*innenzentrierten, nicht-gewichtsbezogenen Ansatz zu verfolgen, bei dem der Fokus stärker auf dem psychischen Wohlbefinden und der Änderung des Gesundheitsverhaltens sowie einem wieder zu erlernenden intuitivem Essverhalten statt auf Gewichtsverlust liegt. Die Akzeptanz des eigenen Körpers und ein wertschätzender Umgang mit dem Körper und sich selbst sind zentrale Punkte dabei.
Tunnelblick?! Warum Menschen essen wie sie essen
Prof. Lotte Rose, Sozialwissenschaftlerin an der University of Applied Sciences Frankfurt, beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Normen rund um Körper und Essen.
Sie zeigte auf, dass Menschen essen, wie sie essen, weil sie ihrem Trieb und ihrer Lust folgen. Der Essenstrieb ist genetisch „programmiert“. Zuvorderst dient er dem Trieb nach Selbsterhaltung, daneben der Lustbefriedigung: Guter Geschmack wird bevorzugt. Hinzu kommen im Laufe des Lebens die Einflüsse der Essumgebung, sowohl menschheitsgeschichtlich als auch individuell, die über die Gewöhnung an das tagtägliche Essen das Verhalten prägt.
Soziologisch gesehen kann das eigene Essen zusätzlich zu seinen anderen Funktionen als ein Symbol der Beziehungswelt betrachtet werden, z. B. als Ausdruck der Eltern-Kind-Beziehung, von Freundschaften und Partnerschaften. Beziehungen werden so über das gemeinsame Essen, aber auch über die Gabe bzw. die Versorgung mit Essen hergestellt und besiegelt, was das eigene Essverhalten nachhaltig prägt.
Ein weiterer Punkt, warum Menschen essen, wie sie essen, ist die identitätsstiftende Funktion des Essens. Essen ist eng mit den Bedingungen des eigenen Lebens gekoppelt, sowohl materiell als auch sozial. Es spiegelt Zugehörigkeiten und Abgrenzungen wider, den Status, den Kapitalbesitz und die Werteorientierung.
In all diesen Facetten unterliegt Essen einem engmaschigen Normengefüge und ist Ausdruck vielfältiger Faktoren der Lebenswelt jedes Einzelnen. Rose empfahl daher Ernährungsfachkräften, sich die „Geschichten“ der Klient*innen aufmerksam anzuhören und deren reale Lebenswelt darin anzuerkennen und einzubeziehen.
Emotionales Essen & Intuitive Ernährung
Mag. Cornelia Fiechtl, klinische Psychologin aus Wien, zeigte, dass emotionales Essverhalten und ein höheres Gewicht nicht (nur) die Ursache von Problemen sind, sondern v. a. Symptome. Als Ursache dieser Symptome stellte sie den Begriff Adverse Childhood Experiences (ACEs) vor. Dies sind potenziell traumatische Ereignisse, die vor dem 18. Lebensjahr auftreten und langfristige Auswirkungen auf die körperliche, psychische und emotionale Gesundheit haben können. ACEs beeinträchtigen die Fähigkeit, mit Stress und unangenehmen Emotionen umzugehen. Verhaltensweisen wie emotionales Essen können in der Folge dazu dienen, Gefühle zu betäuben oder zu regulieren, mit denen die Person nicht auf andere Weise umzugehen gelernt hat. Da der reine Blick auf das Gewicht in der Ernährungsberatung nicht an der Ursache ansetzt und folglich nicht zu einer langfristigen Lösung eines emotionalen Essverhaltens beiträgt, plädierte Frau Fiechtl dafür, positive Beziehungserfahrungen in der Beratung zu schaffen. Sicherheit und Vertrauen seien grundlegend für die Beratungsbeziehung; statt der Zusammensetzung der Ernährung sollten gerade bei Beratungen, in denen es um Gewichtsreduktion oder eine langfristige Änderung des Ernährungsverhaltens geht, Emotionen in den Fokus gerückt werden.
Zur Erreichung dieses Ziels stellte sie „sechs Schritte zu einer intuitiven Ernährung“ und einem befreiten Essverhalten vor. Im ersten Schritt geht es um „bedingungsloses“ Essen: Essen sollte als Grundbedingung für einen gesunden Körper und Geist angesehen werden, ohne Restriktion und Zügelung. Als zweites sei es wichtig, auf die körperlichen Signale zu achten und Genuss zu zelebrieren. Im dritten Schritt rückt sie den Körper in den Mittelpunkt, der ohne „Kalorienzählen“ „gut genährt“ werden soll. Im vierten Schritt wird die emotionale Kompetenz bestärkt, indem Emotionen wahrgenommen, erkannt, benannt und die Bedürfnisse beachtet werden. Im fünften Schritt soll die Beziehung zum Selbst gestaltet und intensiviert werden. Mit Selbstfürsorge und Wertschätzung wird eine selbstmitfühlende Grundhaltung geübt. Im sechsten und letzten Schritt soll der*die Klient*in wieder Spaß an Bewegung finden, nicht aus Zwang, sondern zur Selbstfürsorge.
Mehr als eine Zahl: Gewichtsneutrale Beratung in der Praxis
Dr. Antonie Post, Speakerin & Ernährungsberaterin in eigener Praxis, stellte den Teilnehmenden das Konzept der gewichtsneutralen Beratung, ergänzt durch eigene Erfahrungen aus ihrer Beratungspraxis vor.
Zahlreiche Faktoren nehmen Einfluss auf die Gesundheit, darunter Genetik, Alter, Geschlecht, Versorgung, Lebensstil usw. Das Gewicht sei ein Faktor darunter, die enge Verknüpfung von Gewicht als grundlegendem Faktor für die Gesundheit sei jedoch zu begrenzt. An Studiendaten zeigte sie, dass ein hohes Gewicht nicht automatisch eine schlechte Gesundheit nach sich zieht und dass gesunde Lebensgewohnheiten auch unabhängig vom Body-Mass-Index signifikant das Sterblichkeitsrisiko senken können.
Post machte darauf aufmerksam, dass es vor diesem Hintergrund hoch problematisch ist, wenn das Gewicht eines Menschen als einziges Problem gesehen und eingleisig „behandelt“ wird. Sie plädierte in ihrem Vortrag für mehr sichere und wertschätzende Räume in der Beratung, in denen Gesundheit und Gewicht voneinander abgegrenzt werden, sodass Menschen die Wahl gegeben wird, an beiden auch getrennt arbeiten und dabei ihre eigene Form von Gesundheitsversorgung finden zu können. In einer auf diese Weise gewichtsneutralen Beratung sollte der Fokus auf dem Beziehungsaufbau liegen, dessen Schlüssel eine wertschätzende und neutrale Sprache sei. Es sei wichtig, dem*der Klient*in nicht einfach etwas vorzugeben, sondern gemeinsam zu gestalten. Die Frage sollte nicht heißen „Was macht die Person richtig/ falsch“, sondern „Was braucht sie und wie kann ich sie dabei unterstützen, im eigenen Alltag gut für sich zu sorgen?“.
Coaching – Körperorientierte Ernährungsberatung
Im Anschluss an die Stationen-Talks erläuterte Prof. Stefanie Hoy, Hochschule Osnabrück, in einem interaktiven Vortrag die Bedeutung des Körpers und der Körperlichkeit in der Ernährungstherapie. Sie beschäftigt sich eingehend mit der Frage, wie wir den Körper mehr in die Ernährungsberatung und Gesundheitsförderung integrieren können, damit sich der*die Klient*in nicht nur verbal-kognitiv oder auf der emotionalen Ebene (wie bisher), sondern zusätzlich auch auf der körperlichen Ebene wirklich gesehen, gehört und verstanden © Izabelite/iStock/Getty Images Plus fühlt. Der Körper sei viel mehr als nur ein „Container für innere Organe“, ein Träger von Symptomen oder eine Halterung für den denkenden Kopf. Er ist voll von nutzbaren Informationen zum eigenen Gesundheits- und Gefühlszustand und weiß, bevor wir denken, konstatierte sie. Sie zeigte, wie Beratende ihren eigenen wie auch den Körper der Klient*innen als wesentliche Ressource für den Beratungsprozess nutzen und wertschätzen können.
Eine Fülle an Informationen und Impulsen bot dieser vielfältige Tag, mit neuen Denk- und Beratungsansätzen in den Vorträgen und einem regen Austausch dazu an den Stationen-Talks. Als Team der Ernährungs Umschau bedanken wir uns bei den engagierten Referent*innen und Teilnehmenden für ihren Input und Ihr Interesse und freuen uns auf die kommende Tagung 2027.
Diesen Artikel finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 12/2025 auf den Seiten M708 bis M709.