Tagungsbericht: Update Ernährungsmedizin 2025
- 15.12.2025
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- Sabine Schmidt
Die Teilnehmenden wurden wie immer von Prof. Hans Hauner vom EKFZ der Technischen Universität München (TUM) begrüßt, der zu dieser Gelegenheit auf seine Emeritierung im Oktober 2024 hinwies und seine Nachfolgerin vorstellte. Prof. Hauner war einer der Gründer des EKFZ und damit der Ernährungsmedizin an der TUM und hat nun von dieser den Titel „TUM Emeritus of Excellence“ erhalten – eine Anerkennung für „Wissenschaftler, die sich in herausragender Weise durch wissenschaftliche Leistung und ihr Engagement für die Universität hervorgetan haben“. Als Nachfolgerin hat Prof. Katharina Timper die Leitung des Instituts für Ernährungsmedizin am TUM Klinikum übernommen, Prof. Hauner übt weiterhin beratende Funktion aus.
Ernährung und chronisch entzündliche Darmerkrankungen
Prof. Carsten Schmidt vom Klinikum Fulda stellte im ersten Vortrag des Tages dar, wie die Prävalenz chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen in den letzten 150 Jahren zunächst in den westlichen Ländern und seit Mitte des 20. Jahrhunderts auch in den Schwellenländern stark angestiegen ist. Eine Vielzahl von Ursachen und Auslösern für ihre Entstehung werden inzwischen vermutet, darunter neben dem westlichen Lebensstil, z. B. Infektionen, Antibiotikagebrauch, Rauchen und die Zusammensetzung der Mikrobiota. Neuere Studien belegen, so zeigte Schmidt, dass ein hohes inflammatorisches Potenzial der Ernährung, insbesondere mit hochverarbeiteten Lebensmitteln sowie Emulgatoren das Erkrankungsrisiko bezüglich eines Morbus Crohn (MC) erhöhen.
In Bezug auf die Therapie des MC zeigen Studien eine positive Wirksamkeit der „Crohn’s Disease Exclusion Diet“ (CDEC) und der „Tasty & Healthy Diet“ (Aharoni-Frutkoff 2025), v. a. in Kombination mit medikamentöser Therapie oder einer enteralen Ernährung mit Trinknahrung.
Kann man die Zusammensetzung der Mikrobiota beeinflussen?
Zum „heißen“ Thema Mikrobiom räumte Jun.-Prof. Marie-Christine Simon aus dem Forschungscluster Diet Body Brain der Universität Bonn in ihrem Vortrag mit einigen Mythen auf. Sie zeigte, dass Magen und Dünndarm keineswegs steril sind wie früher angenommen. Zurzeit wird in sehr vielen Forschungsgruppen untersucht, welchen Einfluss die Ernährung auf die Mikrobiota nehmen kann.
Die Gabe von Probiotika bspw. zeige nur so lange positive Wirkungen im Darm, wie diese eingenommen würden. Gegebenenfalls seien Nachwirkungen über ca. sechs Wochen möglich, aber nach und nach würde sich das Hauptmikrobiom wieder durchsetzen, so Simon. Präbiotika würden am besten bei Menschen mit einer großen bakteriellen Vielfalt im Darm wirken. In einer eigenen Studie zeigte eine zweitägige Haferkur aber schon positive Effekte auf bestimmte Stoffwechselparameter.
Insgesamt, so Simon, sind Einflüsse und die Wirkungen der Mikrobiota im Darm extrem komplex und die Forschung nähert sich nur schrittweise möglichen Prozessen im Darm an.
Veränderungen im Hunger-Sättigungs-System durch Adipositas
Dr. Ruth Hanßen von der Universitätsklinik in Köln stellte in ihrem Vortrag dar, wie der veränderte Stoffwechsel bei Adipositas das körpereigene Hunger-Sättigungs-System auf vielerlei Weise beeinträchtigt: Auf den Überschuss des Hormons Leptin aus dem Bauchfettgewebe reagieren die Rezeptoren im Gehirn mit einer Leptinresistenz, vergleichbar der Insulinresistenz bei chronisch erhöhter Blutglucose. Die bei Adipositas höheren Uridinwerte im Blut bewirken eine Aktivierung des Hungersignals im Gehirn. Und: Je mehr der Körper eine hochkalorische Kost gewöhnt ist, desto schwächer wird die Ausschüttung des Belohnungssignals (Dopamin) durch Essen, sodass immer mehr gegessen werden muss, um die gleiche Menge Dopamin auszuschütten.
Solche langfristig wirksamen Veränderungen im Gehirn erschweren die Gewichtsabnahme von Patient*innen mit Adipositas erheblich. Ob die Veränderungen durch Gewichtsabnahme reversibel sind, ist noch zu wenig bekannt. Selbst eine bariatrische OP würde diese Prozesse im Gehirn nur zeitweise verbessern.
Hanßen wies anhand dieser Erkenntnisse auf die unbedingte Notwendigkeit hin, 1) Adipositas als chronische Krankheit wahrzunehmen, die einer lebenslangen Therapie bedarf, und 2) aus diesem Grund die Bemühungen um Prävention erheblich zu stärken.
Energiebilanz: ein komplexer Prozess
Dr. Tim Hollstein vom Universitätsklinikum Kiel erläuterte in seinem Vortrag, warum die Energiebilanz im Körper schwerer zu schätzen ist als allgemein angenommen. Menschen lägen in ihrer Einschätzung der benötigten Essmenge in unserer bewegungsarmen Überflussgesellschaft oft falsch, egal ob sie spontan essen oder „Kalorien zählen“. Er zeigte anschaulich, wie stark der Grundumsatz schwanken kann, abhängig von individuellen Faktoren wie der (z. T. auch genetisch bedingten) Muskelmasse, der Menge an braunem Fett im Körper (reguliert die Wärmeproduktion), dem Alter oder dem Gewicht. Die Bewegungsaktivität hat Holstein zufolge einen geringeren Einfluss auf den Energieverbrauch als gemeinhin angenommen, da der Körper den Energiebedarf bei körperlicher Belastung herunterregele. Gerade bei Menschen mit Adipositas würde der Körper bei stärkerer Bewegung den Energieumsatz durch einen abgesenkten Grundumsatz zum Teil kompensieren.
Einen großen Einfluss haben Bewegung und Sport hingegen auf die Energieaufnahme. Anhand einer eigenen Studie, die demnächst in der Zeitschrift Adipositas erscheinen wird, zeigte er, dass eine bestimmte Menge an Bewegung nötig ist, um dem Gehirn adäquat zu signalisieren, wie viel Energie der Körper benötigt und aufnehmen soll.
Bewegung sei also in Bezug auf die Energiebilanz auch dahingehend wirkungsvoll, unserem Gehirn zu zeigen, wie viel wir essen sollen. Sein Tipp an Ernährungsberater*innen ist, nicht nur die geschätzte Energieaufnahme der Patient*innen zu messen, sondern auch den Energieverbrauch.
Ernährung und Haut
Der Einfluss der Ernährung auf Erkrankungen der Haut war erstmals als Thema dabei. PD Dr. med. Christina Schnopp von der TUM stellte angeborenen Zinkmangel, atopische Dermatitis (Neurodermitis) und Psoriasis als drei Krankheiten vor, bei denen Ernährungszusammenhänge nachweislich existieren (individuelle Unverträglichkeiten bei Neurodermitis, entzündungsfördernde Ernährung und Übergewicht als Krankheitsförderer bei Psoriasis) bzw. therapeutisch wirken (Supplementation bei Zinkmangel, Gewichtsabnahme bei Psoriasis und Meidung unverträglicher Lebensmittel nach allergologischer Abklärung bei Neurodermitis).
Die Daten zum Einfluss der Ernährung auf Akne vulgaris seien bisher eher schwach. Als wahrscheinlich stufte sie eine negative Wirkung zu hoher Proteinaufnahmen, v. a. über Kuhmilch enthaltende Produkte, bei jungen Kraftsportler*innen ein. Auch Saskya Akyill von der TUM stufte in ihrer Übersicht über Studien zum Zusammenhang von Milchprodukten und Akne vulgaris eine krankheitsfördernde Wirkung des Konsums v. a. nicht fermentierter Milchprodukte aufgrund der Studienlage als möglich ein.
Soziale Medien und Ernährung
Zum Thema Ernährung in sozialen Medien erläuterte Prof. Joachim Allgaier von der Hochschule Fulda die Problematik, dass die Ernährungsbeiträge in sozialen Medien wie Instagram oder Tiktok hauptsächlich von Influencer*innen stammen, die mehrheitlich keine professionelle Gesundheitsausbildung absolviert haben. Die Inhalte seien zu einem hohen Anteil nicht fachgerecht, würden aber sehr stark nachgefragt. Sein Appell richtete sich an die deutschen Fachinstitutionen, sich in die Kommunikation über soziale Medien noch stärker einzumischen und fachlich geprüfte Inhalte zu verbreiten.
Anmerkung der Redaktion: Die ERNÄHRUNGS UMSCHAU ist seit Jahren mit wachsenden Follower*innenzahlen und geprüften wissenschaftlichen Inhalten unter @ernaehrungsumschau auf Instagram aktiv.
Diesen Artikel finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 12/2025 auf den Seiten M710 bis M711.