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© Grecaud Paul / fotolia.com
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Italienische Studie zeichnet neue Weltkarte der Zöliakieprävalenz

  • 18.08.2014
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  • Redaktion


Eine kürzlich im Journal of Pediatric Gastroenterology and Nutrition [1] veröffentlichte Studie skizziert einen geografischen Wandel in der Epidemiologie der Zöliakie, geprägt von Zuwächsen in den klassischen Gebieten, in denen glutenhaltige Getreidesorten zu den Grundnahrungsmitteln zählen, und einer Ausbreitung in neuen Regionen der Welt. Modelle für Kinderernährung könnten laut Autorenmeinung die Entwicklung und Verbreitung der Zöliakie beeinflussen.

Europa und die USA weisen seit jeher eine hohe Prävalenz an Zöliakiepatienten auf, da es sich hierbei um geografische Gebiete handelt, in denen die Ernährung auf glutenhaltigen Lebensmitteln basiert. Internationale epidemiologische Studien haben, unter Beachtung der natürlichen regionalen Abweichungen, eine durchschnittliche Häufigkeit der Zöliakie von ca. 1 % der Gesamtbevölkerung aufgezeigt und beobachtet, dass sich die Inzidenz in den letzten 25 Jahren verfünffacht hat, besonders bei Kindern.

Die Epidemiologie der Zöliakie wurde auch in jenen Ländern erforscht, in denen Menschen europäischen Ursprungs leben und viel Weizen konsumiert wird, wie z. B. in Nordafrika und im Nahen Osten. In diesen Gebieten ist Zöliakie, analog zu Europa und den USA, weit verbreitet. Allerdings ist die Diagnoserate, aufgrund begrenzter Verfügbarkeit von diagnostischen Einrichtungen und mangelnder Kenntnis der Krankheit, äußerst niedrig.

Die Epidemiologie des asiatisch-pazifischen Raums ist noch weitestgehend begrenzt und beschränkt sich auf den sog. „Zöliakiegürtel”, den nördlichen Teil Indiens, wo Zöliakie sowohl unter den Erwachsenen als auch bei Kindern auftritt: 5–8 Mio. beträgt die Zahl der Betroffenen laut Schätzung einer indischen Task Force. Von dieser großen Anzahl potenzieller Zöliakiepatienten wurde bisher nur ein kleiner Prozentsatz diagnostiziert. Das Auftreten von Zöliakie im nördlichen Teil Indiens lässt sich z. T. durch den dort beginnenden Anbau von Weizen anstelle von Reis erklären.

„Die epidemiologischen Daten, die der Wissenschaftsgemeinschaft zur Verfügung stehen, berücksichtigen jedoch nur die Zahl der klinisch diagnostizierten Zöliakiepatienten oder jene, die durch serologisches Screening einer Bevölkerungsstichprobe ermittelt wurden, und schließen somit den sog. ‚Eisberg der Zöliakie‘ an nicht diagnostizierten Patienten aus“, erklärt Prof. Fasano, Direktor des Center for Research on Celiac Disease (CFRC), Universität Boston.

„Das Verhältnis zwischen diagnostizierten und nicht diagnostizierten Fällen liegt immer noch bei 1 : 3 bis 1 : 5, daher wäre ein sorgfältigeres Screening der potenziell gefährdeten Patienten sinnvoll. Demzufolge müssten stets Verwandte ersten Grades der Zöliakiepatienten getestet werden, ebenso wie Patienten mit anderen Autoimmunerkrankungen, Personen mit Reizdarmsyndrom oder mit einer Symptomatik, die auf das Vorhandensein von Zöliakie hinweisen könnte.“

Umweltkomponenten und steigende Zöliakieprävalenz
Die wachsende Prävalenz von Zöliakie kann teilweise auf die Verbesserung der Diagnosetechniken und auf ein steigendes Bewusstsein für diese Krankheit zurückgeführt werden. Dennoch liegt die Vermutung nahe, dass bedeutende Veränderungen in Bezug auf Ernährungsgewohnheiten und Umweltkomponenten eine wichtige Rolle spielen: Veränderung der Quantität und Qualität des aufgenommenen Glutens, Umstellungen in der Landwirtschaft, das Spektrum der Darminfektionen und v. a. die Art der Kinderernährung.

„Die Modelle für Kinderernährung beeinflussen die Entwicklung der Zöliakie und ihren klinischen Verlauf bei Säuglingen mit Prädisposition für diese Krankheit“, erklärt Prof. Carlo Catassi, assoziierter Professor für Pädiatrie an der Università Politecnica delle Marche. „Laut jüngsten Studien, die derzeit noch nicht abgeschlossen sind, sollte die graduelle Einführung kleiner Mengen von Gluten ab dem 4. Lebensmonat, während der Stillzeit, teilweise vor dem Auftreten einer Zöliakie schützen. Allerdings ist die Debatte über die Entwöhnung noch offen. In Europa laufen derzeit randomisierte dezentrale Studien, welche zahlreiche Kinder einschließen, die potenziell gefährdet sind und von Geburt an beobachtet werden, um die aktuellen Wissenslücken in diesem Bereich zu schließen.“

Fazit
Die epidemiologische Kartierung der Zöliakie zeigt, dass die Krankheit häufiger diagnostiziert wird und in einigen Gebieten weit häufiger auftritt, als dies in der Vergangenheit der Fall war. „Weitere Studien, die das Ziel verfolgen werden, die Rolle der Kinderernährung in der Entwicklung der Zöliakie zu klären und deren Prävalenz in neuen geografischen Regionen zu messen, werden eine maßgebliche Rolle spielen, um sowohl das Bewusstsein für die Zöliakie zu steigern als auch das Zusammenwirken von Genetik und Umwelteinflüssen zu erklären, welches die Epidemie weltweit leitet“, schließt Catassi.

Eine Möglichkeit in der Herstellung glutenfreier Produkte ist der Zusatz von „Pseudogetreidearten“ wie bspw. Quinoa, Amaranth oder Buchweizen, die von Natur aus glutenfrei, jedoch reich an hochwertigen Proteinen, Kohlenhydraten und Mineralstoffen sind. Mehr zum Thema „Pseudozerealien“ lesen Sie im Beitrag PELZER in Ernährungs Umschau 08/2014 ab S. S31.

Literatur:
1. Catassi C, Gatti S, Fasan A (2014) The New Epidemiology of Celiac Disease. J Pediatr Gastroenterol Nutr 59: S7 S9
journals.lww.com/jpgn/Fulltext/2014/07001/The_New_Epidemiology_of_Celiac_Disease.5.aspx

Quelle: Dr. Schär, Pressemeldung vom 28.07.2014
www.drschaer.com/de/presse/pr-news/zoeliakie-italienische-studie-zeichnet-neue-weltkarte-der-pathologie/144/ (18.08.14)

Bildquelle: © Grecaud Paul / fotolia.com
 

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