Ernährungsumschau
Teilnehmer der Diskussion: Prof. Claus Leitzmann, Prof. Mathilde Kersting, MdB Bärbel Höhn, Prof. Michael Krawinkel (v.l.n.r.), © mpm Fachmedien
Teilnehmer der Diskussion: Prof. Claus Leitzmann, Prof. Mathilde Kersting, MdB Bärbel Höhn, Prof. Michael Krawinkel (v.l.n.r.), © mpm Fachmedien

UGB-Tagung in Gießen: Podiumsdiskussion zur Unabhängigkeit der Ernährungsforschung

  • 29.05.2013
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  • Redaktion

Am 3. und 4. Mai fand in Gießen die Fachtagung „Ernährung aktuell“ des Verbandes für Unabhängige Gesundheitsberatung e. V. Deutschland (UGB) statt. Ein breit gespannter Themenbogen sorgte dafür, dass die Aula der Justus Liebig Universität bis auf den letzten Platz gefüllt war.

Mit Vorträgen zu Evolution und Ernährung, sekundären Pflanzenstoffen, Fett-, Inhalts- und Begleitstoffen über ökologische Aspekte der Empfehlungen zum Fischverzehr, der Qualität von Bio-Lebensmitteln wurden bereits am ersten Tag sowohl theoretische als auch Anwendungsaspekte der aktuellen Ernährungsforschung angesprochen. Ein aktueller Mix, der sich auch am zweiten Tage mit Beiträgen zu Low Carb/glykämischem Index, Optionen zur Behandlung von Untergewicht, fairer Ernährungsberatung und der Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln bis zur Ernährung in Schwangerschaft und Stillzeit wiederfand.

Den fachlichen Abschluss des ersten Tages bildete ein Experten-Interview: Professor Mathilde Kersting, vom Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund (FKE), Bärbel Höhn, Bundestagsabgeordnete der Grünen, Professor Michael Krawinkel, Institut für Ernährungswissenschaft der Universität Gießen, und Professor Claus Leitzmann, ebenfalls Gießen, stellten sich nach kurzen Interview-Einspielern zum Thema „Wie unabhängig ist die Ernährungsforschung?“ den Fragen von Klaus Pradella vom hessischen Rundfunk.

Dabei wurde die prinzipiell unzureichende finanzielle Ausstattung der Universitäten angesprochen, die die Einwerbung von Drittmitteln aus der Industrie nötig mache. Das Risiko der Verzerrung der Forschungsergebnisse zugunsten der Geldgeber ist dabei nicht allein durch eine einseitige Darstellung von Ergebnissen gegeben; allein die Auswahl der Fragestellung von Studien kann die Ergebnislage bzw. das öffentliche Interesse zugunsten der Finanziers verschieben. Möglichkeiten, trotz der Forschungsfinanzierung durch Interessengruppen zu neutralen Erkenntnissen zu gelangen, sind z. B. ein vorab klar dokumentiertes Studiendesign, die Publikation aller (also positiver wie negativer) Ergebnisse nach wissenschaftlichen Standards (z. B. in Peer-Review-Fachzeitschriften), die Vereinbarung von Ehrenkodices für die wissenschaftliche Praxis und die übergeordnete Sichtung der Studienlage, z. B. in Form von Metaanalysen als Basis evidenzbasierter Aussagen. Als Anregung an den Gesetzgeber wurde auch ein Forschungs-Fonds vorgeschlagen, der sich anteilig aus den Werbebudgets der Lebensmittelindustrie speist.

Kommentar: Wer das Attribut „unabhängig“ für sich wählt, legt hohe Maßstäbe an. Auch oder gerade weil es ja auch auf einem auflagenstarken Papiererzeugnis prangt, das für besonders neutrale Berichterstattung bekannt ist. Von daher war die vom UGB initiierte Diskussion zur Unabhängigkeit der Ernährungsforschung ambitioniert. Mit einer Stunde Zeit und in der gewählten – moderierten – Form, konnte sie jedoch lediglich einen Einstieg ins Thema bieten. Zu schnell, und daran hatte die Moderation erheblichen Anteil, waren die „Guten“ (eben die neutralen Forscher) und die „Bösen“ (die Industrie bzw. Lobbyverbände) ausgemacht. Und der Verbraucher als dritter Mitspieler in dieser Partie zum passiven Opfer und Spielball der Fehlinformation durch industriefinanzierte Studien und Lebensmittelwerbung abgestempelt. Dies, in Verbindung mit dem bereits eingeläuteten Bundestagswahlkampf, schadete der Diskussion.

Die Gefahr, dass die Ernährungsforschung allein aus der Berührungsangst mit der Industrie auf Forschungsgebiete ausweicht, die zwar schön „unabhängig“ beforscht werden können, aber teilweise auch wenig Bezug zum Alltag der Bevölkerung haben, klang nur kurz an. Auch die Schwierigkeit, die teilweise kleinteiligen und nicht immer spektakulären Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung in den Medien für die jeweilige Zielgruppe angemessen zu kommunizieren, wurde nur kurz angerissen – da war dann auch der Moderator nicht ganz „unabhängig“.

Sowohl die Verbraucher als auch Fachleute stehen in unserem von vielen Interessengruppen bestimmten Alltagsleben stets vor der Aufgabe, alle zur Verfügung stehenden Informationen abzuwägen. Aus dieser oft lästigen Pflicht kann sie niemand (auch die Politik nicht) in die Bequemlichkeit „letzter Wahrheiten“ entlassen. Wissenschaft und Fachmedien haben jedoch die Aufgabe, mögliche Interessenkonflikte klar zu benennen, damit diese Abwägung stattfinden kann. (29.05.13)

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