Ernährungsumschau

1. Satellitensymposium der Ernährungs Umschau – Wird Dicksein uns zu teuer?

  • 30.03.2009
  • News
  • Redaktion

Die Diskussionsgäste des Symposiums: M. Köhler, Prof. H. Hauner,
Prof. H. Erbersdobler, (Herausgeber), PD Dr. T. Ellrott, Prof. Dr. C. Klotter,
Dr. U. Marshall, Dipl. oec. troph. H. Recktenwald (Chefredaktion)."Übergewicht hat viele Gesichter." Mit diesem treffenden Einstieg leitete die Chefredakteurin der Ernährungs Umschau Heike Recktenwald das erste Fach-Symposium der Ernährungs Umschau ein, das im Rahmen des 46. wissenschaftlichen Kongresses der DGE am 12.03.2009 in Gießen stattfand. Vorher waren die zahlreichen Teilnehmer im mit ca. 160 Personen voll besetzten Hörsaal vom Herausgeber der Ernährungs Umschau, Herrn Prof. Helmut Erbersdobler, begrüßt worden.

Als Referenten und Podiumsgäste folgten PD Dr. Thomas ELLROTT (Univ. Göttingen), Prof. Dr. Hans HAUNER (Techn. Univ. München), Prof. Dr. Christoph KLOTTER (Hochschule Fulda), Martin KÖHLER (BMELV) und Dr. Ursula MARSCHALL (BEK) der Einladung der Ernährungs Umschau. Ziel des Symposiums war, das in den Medien und im wissenschaftlichen Diskurs "boomende" Thema "Übergewichts-Epidemie" aus der einseitig kosten- und krankheitsbezogenen Diskussion herauszuführen und in einem interdisziplinären Ansatz aus medizinischen, psychologischen und kulturhistorischen Blickwinkeln neu zu erörtern.

Gleich die Einleitung von Heike RECKTENWALD ließ die Vielschichtigkeit des Themas, die Ambivalenz wissenschaftlicher und medialer Aufarbeitung anklingen – in Zahlen zu Krankheitskosten, Zitaten aus einem Internet-Forum Übergewichtiger sowie Fotos einer Reihe von adipösen Prominenten. Verdeutlicht wurde die Vielzahl möglicher Blickrichtungen dann in den beiden Eingangsreferaten von Prof. HAUNER und Prof. KLOTTER.

Prof. Dr. Hauner und Prof. Dr. Elmadfa im Gespräch
im gut besuchten Hörsaal.HAUNER widmete sich in seinem Kurzbeitrag der Frage: "Macht Übergewicht immer krank?" – eine Frage, die nach Abschluss des Vortrags mit "nein" beantwortet werden konnte. Die aktuelle Datenlage stellt sich viel differenzierter dar. Eine Reihe von Studien belegen, dass das relative Risiko, an z. B. Diabetes mellitus Typ 2 oder koronarer Herzkrankheit (KHK) zu erkranken, mit steigendem BMI ansteigt. Beim Diabetes z. B. beginnt dieser Anstieg sogar schon ca. ab BMI 21/22, bei anderen Erkrankungen wird er z. T. erst ab einem BMI von ca. 30 auffallend (ein BMI > 25 gilt als Übergewicht). Auch die Überlebensrate bei Herzinfarkt und Herzversagen korreliert – hier negativ – mit steigendem BMI. Die besten Überlebenschancen haben allerdings Patienten mit einem BMI zwischen 25 und 30.

In diesem BMI-Raum sind auch die Krankheitskosten noch niedrig. Sie steigen erst ab einem BMI von 35, also bei massiver Adipositas, steil an. Immerhin 20–30 % der Adipösen mit BMI > 30 sind völlig gesund. Gegen einzelne Krankheiten scheinen sich Übergewicht und Adipositas neueren Daten zufolge sogar schützend auszuwirken, z. B. gegen Osteoporose und chronische Herzinsuffizienz.

Die Daten zeigten, dass die Diskussion zu Prävention und Therapie viel detaillierter geführt werden müsste, z. B. differenziert nach BMI und Fettverteilungsmuster sowie dem Vorhandensein von Begleiterkrankungen. Eine erfreuliche Nachricht waren erste Daten aus den USA, dass die Übergewichtsrate in der Bevölkerung nicht weiter steigt, sondern auf hohem Niveau stagniert. Auch in Deutschland scheint die Zahl vor allem bei Kindern und Jugendlichen zu stagnieren. HAUNER forderte dennoch angesichts der medizinischen Daten eine konsequente Präventionspolitik mit Veränderung der Lebensbedingungen v. a. bei Kindern.

Kleine Pause im voll besetzten Hörsaal.

Um die in ernährungswissenschaftlichen Kreisen allzu selten gestellte Frage, wie unsere Gesellschaft mit dem Thema Übergewicht umgeht, drehte sich das anschließende Referat des Psychologen und Adipositasexperten Prof. KLOTTER. Im Mittelpunkt stand dabei die Betrachtung der abendländischen Tradition der Mäßigung. Schon Platon und Seneca hätten ein maßvolles und damit gesundes Leben propagiert und gegen die Maßlosigkeit und das Übergewicht gewettert, und auch die christlichen Werte hätten dies übernommen, indem sie Maßlosigkeit als Sünde bewerteten.

Diese Werthaltung erklärt, dass trotz reichlicher Forschung zu genetischen, pränatalen, psychologischen u. a. Ursachen des Übergewichts gesellschaftlich ignoriert wird, dass Übergewicht nicht die Folge von Maßlosigkeit, sondern ein multifaktorielles Geschehen ist. Die Diskussion ums Übergewicht ist daher eine verdeckte Auseinandersetzung, die sich eigentlich um den zentralen Wert einer maßvollen Lebensführung drehe, welche aber kein gesamtgesellschaftlicher Wert, sondern eher ein Konzept der Eliten sei. Das "Volk" teile diesen Wert nur eingeschränkt. Klotter veranschaulichte dies am Beispiel des Karnevals oder anderen Volksfesten, bei denen Maßlosigkeit Teil der Veranstaltung sei. Gesundheit werde demnach als Wert im "Klassenkampf" genutzt.

Als zentralen Ansatz, wie das Übergewicht als gesellschaftliches Problem besser angegangen werden könnte, schlug KLOTTER vor, Gesundheit (und Schlankheit) der Bevölkerung nicht mehr als "Pflicht" aufzutragen und den wortwörtlichen "Krieg" gegen das Übergewicht zu beenden. Psychologisch gesehen erzeuge Verpflichtung von oben Verweigerung bei den Betroffenen, und ein Krieg Gegner, die sich verteidigen würden. Das mache bisherige Strategien weitgehend kontraproduktiv. Weiterhin solle die Diskussion um das Übergewicht von den zugrunde liegenden Werten entkoppelt werden. Niemand käme z. B. auf die Idee, Menschen, die keinen Sex haben, zu diskriminieren, weil sie sich nicht gesundheitsfördernd verhalten, denn keinen Sex zu haben widerspräche eben keinem gesellschaftlichen Wert. Voraussetzung, um mit Adipositas umzugehen, sei, sich ihren kulturellen Stellenwert bewusst zu machen.

In der anschließenden Diskussion wurde KLOTTER gefragt, wie wir heute über übergewichtige Menschen denken. Dazu legte er dar, dass früher das Leitbild für einen "deutschen Mann" Übergewichtig einschloss. Innerhalb von kaum 50 Jahren hätte es aber einen Wandel hin zum Ideal der Dünnleibigkeit gegeben, parallel zur Verbreitung des Überflusses.

ELLROTT erwiderte auf die Frage, wie man Kindern Gesundheitsbotschaften vermitteln könne, dass das bisherige Vorgehen der Bevormundung durch Vorschreiben von erwünschtem Individualverhalten falsch sei, da es aus psychologischer Sicht mehr Abwehrreaktion als Kooperation verursache. Die Experten sollten "gelassener" an die Sache herangehen und sich weniger auf den Begriff "gesund" berufen. Viel wichtiger wäre es, die Rahmenbedingungen, in denen Kinder aufwüchsen, gesundheitsförderlich zu verändern.

KÖHLER vom BMELV führte dazu aus, dass auch die politische Leitlinie im nationalen Aktionsplan "in Form" kein individuelles Verhalten vorschreiben wolle, sondern sich auf die Verhältnisprävention, also die Gestaltung von Rahmenbedingungen, z. B. ein verbessertes Angebot in der Schul- und Kantinenverpflegung konzentriere. Der Aktionsplan, der bis 2020, also über die Legislaturperiode hinaus, konzipiert ist, solle auf diese Weise eine gesellschaftliche Bewegung hin zu einem gesünderen Alltag in Gang setzen. Eine gesundheitsförderliche Gestaltung der Umwelt wurde auch aus dem Plenum gefordert, da übergewichtige Kinder im Alltag massiv diskriminiert würden.

Die Frage, ob Adipositas auf absehbare Zeit als Krankheit in den Katalog der Krankenkassenleistungen aufgenommen werden würde, beantwortete Marschall mit eher negativer Tendenz. Zurzeit sei Adipositas nur in Zusammenhang mit einem direkten Krankheitsbezug (Begleiterkrankungen wie Diabetes Typ 2) enthalten.

Standen Rede und Antwort: Dr. Hans Hauner, Dr. Ursula Marschall (BEK),
Chefredakteurin Dipl. oec. troph. H. Recktenwald, Herausgeber Prof. H. Erbersdobler,
Prof. Dr. Christoph Klotter und PD Dr. Thomas Elrott.

In kaum einer Frage waren sich im Rückblick die Diskutierenden aus den unterschiedlichen Ressorts so einig wie darin, dass die Umweltbedingungen, unter denen Kinder heute aufwachsen, gesundheitsförderlicher gestaltet werden müssen, kurz, die Konzentration von der Verhaltens- auf die Verhältnisprävention umgestuert werden sollte. 

Die Veranstaltung schloss mit einem Dankeswort von RECKTENWALD an alle Beteiligten. Wegen der Kürze der Zeit blieben viele Fragen ungeklärt und Diskussionsbeiträge unausgesprochen, daher werden weitere Fragen an Herrn Martin Köhler (BMELV) und Frau Dr. Ursula Marschall (BEK) zum Thema in Interviews in der Mai-Ausgabe der Ernährungs Umschau geklärt. Die Redaktion der Ernährungs Umschau bedankt sich bei Ihnen für Ihr Interesse und Ihre aktive Diskussionsteilnahme und freut sich sehr über das positive Feedback der Veranstaltungsteilnehmer. (30.03.09)

Diesen Artikel finden Sie auch in Ernährungs Umschau 04/09 ab Seite 196.

Das könnte Sie interessieren
Krebskranke Frau im Krankenhaus. © KatarzynaBialasiewicz / iStock / Thinkstock
Gesunde Ernährung und Bewegung beugen vor weiter
© altrendo images / Stockbyte / Thinkstock
Entwicklung und Test eines Messinstruments zur „nutrition literacy" weiter
© mheim3011 / iStock / Thinkstock
Barmer GEK berichtet von deutlich mehr Betroffenen weiter
© KatarzynaBialasiewicz / iStock / Thinkstock
Forscher entdecken Verbindung zwischen Epilepsie und Essstörungen weiter
© Mike Watson Images / moodboard / Thinkstock
Alter beeinträchtigt zellulären Eiweißabbau weiter
© Magone / iStock / Thinkstock
Superfoods – zwischen Chancen und Risiken weiter