Ernährungsumschau

Alimentum ultimum 10/01 (Das letzte Gericht)

Johannes

Meine Berliner Cousine Elvira ist zufrieden. Zum Sprachpanscher 2001 ist in Deutschland der oberste Leichenbestatter, nunmehr der General Funeralmaster, und nicht der Kanzler geadelt worden. Zwar hätte auch Kaiser Franz wegen der Anpreisung eines free and easy christmas set diese Auszeichnung verdient gehabt, aber die wurde in einer peace box (Sarg!) bereits zu Grabe getragen, als der Kanzler das momentum einer positiven Chance noch nicht heraufbeschworen hatte.

Fremdwörter sind nun einmal Glückssache, und wer weder des Englischen mächtig ist, noch von Physik Ahnung hat, weiß schon, dass momentum das Produkt von Masse und Geschwindigkeit ist, im Deutschen gar nicht vorkommt und sich politisch nicht einmal mit einer ruhigen Hand und bestem Willen nutzen lässt? Selbst wenn wir die positive Chance außen vorlassen (was zum Teufel wäre eine negative Chance?), sind Worte von Kaisern, Kanzlern und Staatsratsvorsitzenden hier zu Lande traditionell schon immer sprachbildend gewesen. Deshalb wird diese neue Schmähung des Deutschen wohl willfährig noch eine ganze Weile beibehalten und mit Schulterschluss als Schritt in die richtige Richtung betrachtet werden. Vanitas vanitatum!

Was meine Anverwandten weit mehr bewegt, ist das Ergebnis eine dänischen Studie von Mortensen, nach dem Weintrinker (Elvira) einen höheren Intelligenzquotienten haben, besser erzogen sind und einen gehobeneren soziologischen Status aufweisen als Biertrinker (Erwin, der Ehemann). Da spielt es auch keine Rolle, dass Guallar-Castillon dergleichen in Spanien nicht hat bestätigen können. Denn die Berliner Tageszeitungen versteiften sich in Anbetracht der hauptstädtischen Trinkgewohnheiten selbstverständlich auf die schlechtere Nachricht. Als Elvira dann noch das Französische Paradoxon als Argument des social drinking ins Feld führte, stoppte ich die Debatte. Ich brachte, sozusagen als Arabeske, das Anti-Falten-Essen sowie das Reichenhaller Sprühsalz ins Gespräch, mit dem wir ab November unsere Frühstückseier aus 250-ml-Flaschen zum Preis von 5,99 DM (sic!) umweltunfreundlich salzen können.

Damit hatte ich – divide et impera! – die Kombattanten sofort auseinander dividiert. Elvira griff natürlich die Frage von Purba auf, nämlich Can food make a difference?, und verprach der Faltenhäufigkeit und -tiefe wegen en suite, künftig mehr Gemüse, Hülsenfrüchte, Fisch und Olivenöl und weniger Butter, Milchprodukte und Zucker zu essen (DGE, quo vadis?). Erwin hingegen wurde sich nicht schlüssig, ob ein gebürtiger vigilanter Sachse über 50 durch Umstellung von Bier auf Wein noch seinen IQ erhöhen könne. Aus der Klemme zwischen Baum und Borke flüchtete ich brutalstmöglich in den von Koch und Merz angezettelten Streit über die nationale Identitätskrise. Als ich jedoch für feuchtfrische Döner und nicht für Frankfurter Würstchen in altbacken-trockenen Brötchen plädierte, warfen mich die beiden kurzerhand hinaus. Zur Currywurst hatte ich mich dabei nicht einmal geäußert. Beherzige also: Der Gerechte muss viel leiden (Psalm 34, 20).EU10/01

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