Tierschutz: Muttergebundene Kälberaufzucht statt Tränkeautomat - Hofliste online

Milchkühe müssen jährlich ein Kalb gebären, damit der Milchfluss nicht versiegt. In der Regel wird das Kalb sofort oder wenige Stunden nach der Geburt von der Mutter getrennt. Doch es gibt Alternativen: Vereinzelte Betriebe praktizieren die muttergebundene oder ammengebundene (mehrere Kälber saugen bei einer Ammenkuh) Kälberaufzucht. Hier wird den Kälbern über mehrere Wochen hinweg eingeschränkter oder uneingeschränkter Kontakt zur Mutter oder einer Amme ermöglicht.

Die jüngste Forschung zeigt, dass Kälber, die von ihren Müttern gesäugt werden, sozial kompetenter und aktiver sind als Kälber, die in den ersten Lebenswochen in Einzelboxen gehalten und mithilfe von Tränkeautomaten ernährt werden. Darüber hinaus bietet die muttergebundene Kälberaufzucht auch eine neue Chance für kleinere Höfe, die mit großen Milchhöfen schon lange nicht mehr konkurrieren können. Langfristig muss die Nachfrage seitens der Konsumenten nach Milch aus mutter- oder ammengebundener Kälberaufzucht steigen und sich ein entsprechender Markt herausbilden. Beratungs-, Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen hierzu müssen erst noch entwickelt werden. Derzeit wird die Milch aus mutter- oder ammengebundener Haltung entweder hauptsächlich über eigene Hofläden der Milchhöfe verkauft oder an Molkereien geliefert. In den Molkereien wird die Milch jedoch nicht separat erfasst und abgefüllt, sodass für Kunden nicht ersichtlich ist, ob sie diese alternative Haltungsform unterstützen.

Für interessierte Konsumenten gibt es ab sofort auf der Kampagnenseite www.kuhplusdu.de der Welttierschutzgesellschaft e. V. eine Liste mit Höfen, die die mutter- oder ammengebundene Kälberaufzucht betreiben. Dort finden sich zusätzlich viele weitere interessante Informationen zur Milchkuhhaltung in Deutschland, die von Tierschutzgesellschaften scharf kritisiert wird.

Hintergrund: Milchkuhhaltung in Deutschland

Für die Haltung von Milchkühen gibt es in Deutschland kaum konkrete gesetzliche Regelungen. Fast jede dritte Kuh lebt hierzulande dauerhaft im Stall angebunden und mehr als die Hälfte der Kühe sieht nie eine Weide. Ihren Bewegungsdrang und ihr natürliches Sozialverhalten können diese Kühe nicht ausleben. Die Leistung deutscher Milchkühe wurde zudem in den letzten Jahrzehnten mithilfe von Hochleistungszucht und Kraftfuttereinsatz mehr als verdoppelt. Jährlich bis zu 10 000 Liter pro Tier sind heute möglich, dies bedeutet eine extreme Belastung für die Tiere. Preisdruck durch zu niedrige Verbraucherpreise führte zudem dazu, dass aus wirtschaftlichen Gründen kleinere Betriebe mit extensiver Haltung kaum Wettbewerbschancen haben.

Quellen: Welttierschutzgesellschaft e. V.:
- Pressemeldung vom 12.10.2015
- Kuh+Du-Kampagne. Das Leid der Milchkühe in Deutschland.
URL: http://welttierschutz.org/kampagnen/


Den Artikel finden Sie auch in Ernährungs Umschau 11/15 auf Seite M620.

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