Editorial: Ernährung 2026: Im Aufwind, aber ohne Strategie

Der Jahresbeginn ist traditionell die Zeit der guten Vorsätze – und für uns ist es auch die Zeit, Bilanz zu ziehen und vorauszublicken. Die vielleicht beste Nachricht zum Start in 2026 ist die anhaltende, breite Anerkennung der präventiven Bedeutung der Ernährung in Gesellschaft und Medizin. Nie zuvor war die Bereitschaft so hoch, die kurz- und langfristige Ernährung als Schlüssel für unsere Gesundheit zu begreifen. So zeigt der aktuelle Ernährungsreport des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH), dass Verbraucher*innen zunehmend Wert darauflegen, dass ihr Essen nicht nur gut schmeckt, sondern auch weniger Zucker, Fette oder Salz enthält. Auch scheint eine pflanzenbetonte, flexitarische Ernährung – zumindest in Umfragen – weiter auf dem Vormarsch zu sein.

Im 185-seitigen Koalitionsvertrag „Deutschlands Zukunft gestalten“ steht zwar „Die Koalition wird bestehende Initiativen zur Ernährung und Gesundheit evaluieren und die erfolgreichen verstetigen“. Von einer Ernährungsstrategie ist aber nirgends mehr die Rede. Die Zeit größerer, integrierter Lösungsansätze scheint in der Landwirtschafts- und Ernährungspolitik auf absehbare Zeit vorbei zu sein. Stattdessen wird betont, gute Rahmenbedingungen für eine starke Ernährungswirtschaft zu schaffen. Leider gibt es noch einige weitere wenig erfreuliche Entwicklungen. Die anhaltende Inflation stellt viele Haushalte vor die Herausforderung, sich gesunde, oft hochpreisige Lebensmittel leisten zu können. Eine ausgewogene Ernährung darf kein Luxusgut werden. Hier sind die Lebensmittelindustrie und das Lebensmittelhandwerk – unterstützt durch die Ernährungspolitik – gefordert, erschwingliche, gesunde, nährstoffdichte Alternativen bereitzustellen.
Eine weitere Sorge ist die zunehmende Polarisierung, die auch in Ernährungsfragen zu beobachten ist. Aktuelle Social-Media-Trends, die wissenschaftliche Fakten ignorieren, führen zu unnötiger Verwirrung und teilweise zu riskanten Ernährungsformen. Unsere Aufgabe als Ernährungsfachkräfte ist es, mit klaren, wissenschaftlich fundierten Informationen gegen die „Infodemie“ gegenzusteuern. Das Phänomen der Verbreitung sowohl korrekter als auch falscher oder irreführender Informationen in digitalen und herkömmlichen Umgebungen stellt eine riesige Herausforderung dar, weil die schiere Menge an Informationen es für viele Verbraucherinnen und Verbraucher immer schwieriger macht, seriöse von unwissenschaftlichen Quellen zu unterscheiden.
Wir bei der ERNÄHRUNGS UMSCHAU blicken trotzdem optimistisch auf ein Jahr, das uns wieder neue Forschungserkenntnisse, innovative Ideen und Produkte bringen wird. Arbeiten wir gemeinsam daran, dass gesundes Essen für jeden zugänglich und verständlich bleibt. Hoffen wir gemeinsam, dass wir auch im neuen Jahr nicht auf unsere Notfallreserven ( EU1/2026, S. M28) zurückgreifen müssen.

Ihr Helmut Heseker



Dieses Editorial finden Sie auch in ERNÄHRUNGS UMSCHAU 1/2026 auf Seite M1.

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