Ernährungsumschau
Zuckerrübenfeld: Weltmarktpreis für Zucker derzeit hoch. © Allexxandar / iStock / Thinkstock
Zuckerrübenfeld: Weltmarktpreis für Zucker derzeit hoch. © Allexxandar / iStock / Thinkstock

Zucker und Süßstoffe: EU-Zuckerquote aufgehoben

  • 11.10.2017
  • News
  • Johanna Kapitza

Seit 1968 schützen Quotenregelungen die Zuckerbauer in der EU vor Preisschwankungen am globalen Rohstoffmarkt. Um eine stärkere marktwirtschaftliche Orientierung zu erreichen haben das EU-Parlament und der Europäische Rat nach der schon abgeschafften Milchquote zum 1. Oktober 2017 auch die Zuckerquote auslaufen lassen. Droht nun eine Überproduktion?

Sirup aus Mais: günstiger in der Herstellung als Haushaltszucker. © PRImageFactory / iStock / Thinkstock
Sirup aus Mais: günstiger in der Herstellung als Haushaltszucker. © PRImageFactory / iStock / Thinkstock

Durch die fehlende Zuckerquote entfallen neben den bisherigen EU-Quoten und -Produktionsabgaben für Zucker und Isoglukose (Glukosesirup) auch die Mindestpreise für Zuckerrüben. Rübenbauern dürfen folglich ab jetzt zwar mehr anbauen, können sich jedoch nicht mehr auf den bislang von der EU vorgeschriebenen Mindestpreis berufen. Vor einer dauerhaften Überproduktion wird jedoch angesichts der Geschehnisse im Milchsektor gewarnt.

Wegen massiver Überproduktion hatten Milchbauern mit abstürzenden Erzeugerpreisen zu kämpfen, die zu Tiefstpreisen für Milch(produkte) geführt haben. Dass sich Konsumenten künftig auch auf günstige Preise für Haushaltszucker, Marmelade und Süßwaren einstellen können, halten Branchenexperten jedoch für unwahrscheinlich, da der Weltmarktpreis für Zucker momentan auf dem höchsten Stand seit vier Jahren liege und das Angebot des Rohstoffs flexibler angepasst werden könne, zum Beispiel durch Umschwenken auf andere Feldkulturen. Auch die EU-Kommission geht davon aus, dass sich die Milchbauernkrise nicht auf den Zuckersektor übertragen wird, und rechnet mit einem Produktionszuwachs von 20 Prozent.

Hauptgrund ist der steigende Zuckerverbrauch in Schwellenländern wie China oder Indien. Große deutsche Hersteller erhoffen sich enormes Potenzial von Exporten nach Übersee, nicht zuletzt auch, da hierzulande der Druck auf die Industrie steigt und Kritiker Zucker für Fehlernährung und Übergewicht (mit)verantwortlich machen. Angesichts der Einigung vieler EU-Länder, den Zuckergehalt in Lebensmitteln bis 2020 um zehn Prozent gegenüber dem Niveau von 2015 zu senken, senken viele Lebensmittelhersteller den Zuckeranteil in ihren Rezepturen. Für Zuckerproduzenten bietet der Wegfall der Zuckerquote somit die Möglichkeit, diesen Druck durch die Erschließung neuer Märkte zu entschärfen.



Hintergrund: Was bedeuten die Neuerungen für den Einsatz von Isoglukose?

Der Anbau von Zuckerrüben wird künftig auch von der Konkurrenz durch andere Süßungsmittel wie Isoglukose (Glukosesirup / Maissirup) bestimmt, für die die Beschränkungen ebenfalls aufgehoben wurden. Der aus Mais hergestellte Glukosesirup hat in der EU bisher, im Gegensatz zu den USA, Mexiko und Kanada, nur eine untergeordnete Rolle gespielt.

In der Lebensmittelindustrie gewinnt der flüssige Industriezucker nun an Bedeutung, da der Hauptrohstoff Mais nicht nur durch die Subventionierung günstiger in der Herstellung ist als Haushaltszucker. Schätzungen zufolge wird sich die Produktion von Isoglukose mehr als verdreifachen. Im Gegensatz zu den USA ist der Fruktosegehalt in Isoglukose (55 Prozent Fruktose, 44 Prozent Glukose) bei uns nur etwas höher als der in Haushaltszucker (Saccharose: 50 Prozent Fruktose, 50 Prozent Glukose). Ob dies eine Rolle für die Gesundheit spielt, steht derzeit in der Diskussion.

Es gibt Hinweise, dass Fruktose noch stärker als Glukose Entzündungsprozesse auslöst und Insulinresistenz fördert. Der geringe Unterschied zwischen Saccharose und der hier üblichen Isoglukose im Fruktosegehalt ist allerdings nach einer aktuellen Einschätzung des Max Rubner-Instituts hierfür eventuell nicht relevant. Abgesehen davon könnte der vermehrte Einsatz beziehungsweise das Aufführen von „Isoglukose-Sirup“ (statt „Zucker“ oder „Saccharose“) das Erkennen des Zuckergehalts anhand der Zutatenliste erschweren. Die Verwendung mehrerer Süßmacher lässt zudem ihre Anteile schrumpfen, sodass Saccharose, der klassische Haushaltszucker, oftmals nicht mehr an erster Stelle stehen wird. Neben einem verschärften Wettbewerb birgt der Wegfall der Quote folglich auch Risiken, deren Konsequenzen für Verbraucher und Gesundheitspolitik noch nicht abzusehen sind.



Quellen:

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