Ernährungsumschau
Kokosfett in Schale
Kokosöl: Durch den industriellen Verarbeitungsprozess entsteht ein weißes, festes und geschmackloses Fett. © SageElyse / iStock / Thinkstock

Kokosöl für die Gesundheit: Wissenschaftlich haltbare Nachweise sind Mangelware

Vor wenigen Jahren war Kokosöl in der deutschen Küche noch nahezu unbekannt. Inzwischen ist es als neues „Superfood“ in den Supermärkten angekommen. Wie verhält es sich mit den Eigenschaften des „Wunderöls“ und fördern diese wirklich die Gesundheit? Hierzu haben Wissenschaftler von der British Nutrition Foundation einen aussagekräftigen Bericht verfasst.

Im Gegensatz zum Kokos-Plattenfett, welches in deutschen Haushalten, der Gastronomie und der Lebensmittelindustrie seit Jahrzehnten zum Backen und Braten verwendet wird, war Kokosöl bis vor wenigen Jahren eher unbekannt. Dann wurde es von der Kosmetikbranche als Bestandteil von Haut- und Haarpflegemitteln (wieder-)entdeckt. Ausgehend von der US-amerikanischen Schauspielerinnen- und Modelszene werden seine angeblich vielfältigen gesundheitsfördernden Wirkungen auch als Lebensmittel nun in den Medien und der Internetcommunity verbreitet.

Kokosöl hilft laut seinen Befürwortern zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs, fördert die Gewichtsabnahme und hilft gegen Bakterien, Viren und Pilze. Das sei nicht verwunderlich, denn es sei „seit Jahrtausenden für viele Völker ein Grundnahrungsmittel“ und „eines der natürlichsten Öle“. Die Internetseiten, die bei Google bei der Eingabe des Begriffs „Kokosöl“ ganz oben erscheinen, sind dabei zweifelhaftester Herkunft – unter anderem eine tunesische Online-Marketing-Agentur, die bei der Verbraucherzentrale schon in Zusammenhang mit dem Vertrieb eines Chia-Samen-Produkts unter dem Mäntelchen der „unabhängigen“ Information aufgefallen ist.

Eigenschaften

Sowohl das bekannte „Kokosfett“ als auch das neue (native) Kokosöl werden aus dem Fruchtfleisch der Kokosnuss gewonnen: Um das Plattenfett zu gewinnen, wird das getrocknete Fruchtfleisch (genannt Kopra) gepresst und/oder extrahiert, das gewonnene Öl anschließend raffiniert, gebleicht und desodoriert. Durch diesen industriellen Prozess entsteht ein weißes, festes, geschmackloses Fett, das wegen seiner Hitzebeständigkeit gerne zum Braten verwendet wird.

Sogenanntes natives Kokosöl wird hingegen aus dem frischen, nicht getrockneten Fruchtfleisch oder der Kokosmilch extrahiert und nicht weiter chemisch behandelt. Auch das Kokosöl ist bei Raumtemperatur fest und schmilzt erst ab circa 25 Grad Celsius. Das Öl der Kokosnuss enthält rund 92 Prozent gesättigte Fettsäuren (SFA – saturated fatty acids), 6,4 Prozent einfach und 1,5 Prozent mehrfach ungesättigte Fettsäuren (zum Vergleich: Butter enthält ca. 52 Prozent SFA). Auffallend ist der mit rund 50 Prozent hohe Gehalt an Laurinsäure (C12:0), daneben sind größere Mengen Myristin- und Palmitinsäure enthalten (zusammen 20–25 Prozent).

In geringeren Mengen sind auch die mittelkettigen Fettsäuren (MCT – medium-chain triglycerides) Capryl- (C8:0) und Caprinsäure (C10:0) enthalten (zusammen rund 14 Prozent), wobei von manchen Autoren auch die Laurinsäure zu den MCTs gezählt wird. Vor allem das native Kokosöl enthält auch eine Reihe von Polyphenolen (unter anderem Ferulasäure und Katechin), welche zum Teil in wesentlich höherer Konzentration aber auch in vielen anderen pflanzlichen Lebensmitteln enthalten sind, sowie etwas Vitamin E (1,8 mg/100 g – zum Vergleich: Rapsöl 18,9 mg; Sonnenblumenöl 62,5 mg).

Wissenschaftliche Einschätzung

Der sehr hohe Gehalt an gesättigten Fettsäuren in Kokosöl lässt aufhorchen, ist doch seit langem bekannt, dass gesättigte Fettsäuren den Fettstoffwechsel ungünstig beeinflussen und so das Risiko von Herz-Kreislauf-Krankheiten erhöhen. Die Fachgesellschaften empfehlen daher seit Jahren eine niedrigere Zufuhr von gesättigten und eine höhere Zufuhr von ungesättigten Fettsäuren, welche sich vorwiegend in pflanzlichen Lebensmitteln finden, aber eben nicht in Kokosöl. Einige Studien, die die negativen Wirkungen von SFA in letzter Zeit infrage stellten, haben der Vermarktung von Kokosöl als Gesundheitsförderer so den Weg bereitet.

Dr. Stacey Lockyer und Sara Stanner von der British Nutrition Foundation haben in diesem Jahr einen aussagekräftigen Bericht verfasst, der eine andere Einschätzung zeigt. Die Wissenschaftlerinnen analysieren in ihrem Artikel die verfügbaren Studien zu Kokosöl und den Wirkungen von SFA auf Gesundheitsparameter – und kommen zu folgenden Schlüssen:

  • Die derzeitige wissenschaftliche Studienlage spricht weiterhin dafür, dass eine hohe Zufuhr gesättigter Fettsäuren sich negativ auf den Fettstoffwechsel auswirkt und damit das Risiko, an Herz-Kreislauf-Krankheiten zu erkranken, erhöht. Wird ein Teil der gesättigten durch ungesättigte Fettsäuren ersetzt, sinkt dieses Risiko. 

  • Oft zitierte Beobachtungsstudien zum Zusammenhang zwischen Kokosölverzehr und Herz-Kreislauf-Parametern (zum Beispiel Prior et al. 1981) waren in den Ergebnissen uneinheitlich und ließen mögliche Kofaktoren, die Einfluss haben könnten (unter anderem den Lebensstil) außer Acht.

  • Es ist nach aktueller Studienlage nicht davon auszugehen, dass ein höherer Prozentsatz von MCTs in der Ernährung langfristig die Gewichtsabnahme relevant verbessert, denn die Ergebnisse verschiedener wissenschaftlicher Studien hierzu sind äußerst heterogen. Darüber hinaus sind in Kokosöl nur 14 Prozent „echter“ MCTs (Capryl- und Caprinsäure) enthalten – Laurinsäure wird zwar zum Teil auch zu diesen Fetten gezählt, wird aber bereits anders metabolisiert, was gegen eine vergleichbare Wirkung spricht.

  • Die Behauptung, dass Kokosöl ein wirksames Mittel gegen Viren und Bakterien aller Art (inklusive HIV!) sei, ist ein Beispiel für die unzulässigen und generalisierenden Schlüsse, die im Marketing gerne verwendet werden: Tiermodell- und in-vitro-Studien haben zwar gezeigt, dass vor allem Monolauringlycerat eine dementsprechende Wirkung zeigen kann, Humanstudien gibt es jedoch bisher nur zur Anwendung von Monolauringlycerat auf der Haut. Ebenfalls nicht bekannt ist, in welcher Menge Monolauringlycerat, die selbst in Kokosöl nicht enthalten ist, in vivo tatsächlich aus Laurinsäure gebildet wird.

  • Das Gleiche gilt für den postulierten Präventionseffekt gegen Demenz: Auch hier gibt es nur einzelne Studien, die einen solchen Effekt für die Gabe eines künstlichen Präparates mit Caprylsäure fanden, welche jedoch in Kokosöl nur in geringer Konzentration enthalten ist.
Kommentar

Kokosöl enthält zu einem hohen Prozentsatz Laurin-, Myristin- und Palmitinsäure, für die ein das LDL-Cholesterin erhöhender Effekt nachgewiesen ist. Im Gegensatz zu Oliven- und Rapsöl, denen eine große Anzahl an Studien gesundheitsfördernde Effekte (bei maßvollem Verzehr, denn auch sie bestehen vorwiegend aus energiereichem Fett) bescheinigen, gibt es bisher kaum wissenschaftlich haltbare Nachweise für die propagierten Gesundheitseffekte von Kokosöl.

Als Zutat zu exotischen Gerichten kann natives, nicht raffiniertes Kokosöl (ebenso wie Kokosmilch) in kleinen Mengen zu einem angenehm frisch-süßlichen Geschmack beitragen und daher die deutsche Küche bereichern. Es gibt aber keinen gesundheitlichen Grund, Kokosöl in größeren Mengen zu verzehren. Ohnehin außer Acht gelassen sind hier sozialkritische und ökologische Fragestellungen der Kokosölproduktion.

Sabine Schmidt



Literatur:

Lockyer S, Stanner S (2016) Co¬conut oil – a nutty idea? Nutrition Bulletin 41: 42–54

Temes W et al. Lebensmittel-Lexikon. 4. überarb. Aufl., Behr‘s Verlag, Hamburg (2005)

Heseker H, Heseker B. Nährstoffe in Lebensmitteln. 4. aktual. erw. Aufl., Umschau Zeitschriften Verlag, Wiesbaden (2013)

Prior IA et al. (1981) Cholesterol, coconuts, and diet on Polynesian atolls: a natural experiment: the Pukapuka and Tokelau island studies. AJCN 34: 1552–1561

Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) (2011) Mittelkettige Triglyceride für Adipositastherapie nicht empfehlenswert. DGEinfo 02/2011: 18–21



Tipp: In der November-Ausgabe der ERNÄHRUNGS UMSCHAU widmet sich der Special-Beitrag den Chancen und Risiken von „Superfoods“.


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